NICHTWORT-Reflexion:

Die vermeintliche, so genannte Flüchtlings-Krise legt eine wahre Krise offen – jene unserer Sprachbildung.

Von Georg-Christof Bertsch

Dass in jeder Krise ein positiver Kern des Wandels verborgen sei, ist eine Bildungsfloskel. Diese wurde durch unsere souveräne Leistungsfähigkeit im heißen Winter 2015/2016 jedoch lässig belegt.

Aber schlummert nicht auch ein bitterer, höchst negativer Aspekt im Innern? Bei der genannten Krise ist die Lage ambivalent. Die xenophoben Eiterbeulen dieser Krise, bis hin zu völkischen Kampagnen, sind rundum abstoßend. Doch sei dies, zum Glück, nicht mein Thema.

Mir stellt sich vielmehr die Frage, warum auch integrativ denkende Menschen unfähig zu sein scheinen, Sprache, mithin unsere Kultur, Mentalität und Geschichte, mit Begeisterung, Energie, Spaß effizient zu vermitteln – an ALLE, die unsere Gesellschaft bilden …

Ich suche dabei nicht nach Schuldigen oder historischen Begründungsrahmen, sondern blicke ausschließlich nach vorne, nach jenen Lösungen, welche eine gute ZUKUFT konstituieren. Ich frage mit Eric Hobsbawm: „Wieviel Geschichte braucht die Zukunft?“ (1) Auf keinen Fall brauchen wir die verbrecherischen Nationalismen der Vergangenheit zurück. Diese Antwort kann ich sicher geben und begründen.

Mein Bild der Zukunft

Unter Zukunft stelle ich mir das vitale Zusammenleben und Zusammenarbeiten unterschiedlichster Persönlichkeiten vor – ohne die Idee der Nation als abgrenzendem Gedankenraum. Diese Kooperation wünsche ich mir auf Basis der Werte unseres Grundgesetzes, der UN-Charta der Menschenrechte und mit festem Vertrauen in die Menschheit, statt mit dem Glauben an höhere Mächte.

Dieses Zusammenwirken sollte dazu führen, dass wir – neugierig und mit Freude – hart am Neuen arbeiten, auf Basis einer unerschütterlichen Orientierung an der „ökosozialen Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer weltweit nachhaltigen Entwicklung“ (2). Ich wünsche mir, dass wir diese gute Zukunft wirklich sehen können und herbeisehnen – und dass wir uns ständig intensiv darüber austauschen.

Ich bin selbstbewusst genug, um mir Naivität vorwerfen zu lassen ohne meine schlichte Idee in Frage zu stellen. Und hier wird es sprachlich. NICHTWORT wirft, wie ich in Texten und Reden wiederholt formuliert habe, die Frage danach auf, was Design zur Sprachbildung beitragen kann.

Worum geht es bei diesem Begehen nach Zukunft? Harald Welzer hat in „Der FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2013“ (3) und im Folgeband 2015/16 (4) die Parole ausgegeben: „Das 21. Jahrhundert braucht Visionen – Geschichten von besseren Lebensstilen, Geschichten über eine gelingende Zukunft.“ Sein Team und er haben Hunderte in der Gegenwart erfolgreiche Zukunftsprojekte gefunden.

Wenn man selbst keine Idee von einer Zukunft hat, so Welzer, dann bekommt man die Ideen anderer übergestülpt – meist Geschichten aus der Vergangenheit. Das ist es, was man reaktionär nennt – zukunftslos zu sein. Was Welzer anstrebt, das ist einfach zu verstehen: Wir brauchen eine eigene Idee von der Zukunft, einer Zukunft auf die wir uns freuen …

In Welzers Vorstellung ist die Story bereits der erste Schritt in die Zukunft. Menschen erzählten sich seit Jahrzehntausenden Geschichten von besseren Zukünften. Uns möchte man diese Idee hingegen austreiben, also die Idee, dass die Zukunft MENSCHLICHER wird.

Zukunft ohne Menschen?

Eine in Marketingsachen souveräne Digitallobby will uns eine Zukunft ohne Menschen verkaufen – eine Zukunft, auf die man sich wirklich nicht freuen kann. Es ist eine Zukunft, in der nicht nur das Arbeiten, die Bewegung, nein sogar das ureigentlich Menschliche, die Kommunikation, von Maschinen übernommen werden soll. Es ist eine Dystopie fast wie aus Matrix (5), auf jeden Fall ist es keine gute Idee, eine solche Geschichte zu erzählen. Denn darauf freut sich keiner. Nicht zuletzt deshalb sind derart viele Zeitgenossen derart deprimiert.

Gegenseitige Erzählung braucht Phantasie, Wissen – nicht zuletzt Sprachfähigkeit. Da wir uns in eine globale Zukunft hineinbewegen, müssen wir uns untereinander verständigen können. Der Anthropologe John H. McWhorter geht in “2115 a century from now, expect fewer but simpler languages on every continent” (6) davon aus, dass statt der heute 6000 Sprachen nur noch 600 gesprochen werden, in jeweils einfacherer Form, mit weniger grammatikalischen und orthografischen Ausnahmen.

Es wird demnach in 100 Jahren einige Weltsprachen geben, allen voran das Englische, welches bereits heute 2 Milliarden Sprecher hat, Weltsprachen die als Erst- vor allem aber Zweitsprache leidlich beherrscht werden. Daneben wird es aber Hunderte weiterer Sprachen geben. Jede dieser Sprachen besteht auch künftig aus Vokabular und Grammatik und repräsentiert darüber hinaus einen gewaltigen kulturellen Schatz – Neben- und Hinter-Bedeutungen, Sprachspiele, Slang-Varianten etc…

John Thackara hat in „In the bubble – designing in a complex world“ (7) darauf hingewiesen, dass es niemals eine Alternative zum „tatsächlich anwesend sein“ geben wird. Er dachte dabei im Jahr 2005 vor allem an die Unmöglichkeit, über digitale Kanäle jene Datenmengen zu übermitteln, die wir austauschen, wenn wir gemeinsam anwesend sind. Dazu gehören neben Bild und Ton selbstverständlich auch Sensationen wie Wärme, Oberflächen, Düfte, die periphere Wahrnehmung, Pheromone etc..

Design und Sprachbildung

Überträgt man diese Erkenntnis auf das Erlernen von Sprache, welche unzweifelhaft am besten im persönlichen Umgang erlernt wird, dann erübrigt sich die Diskussion über die Substituierung menschlichen Spracherwerbs durch Maschinen. Sicher werden Maschinen künftig schneller von Maschinen lernen, Menschen werden Sprache jedoch weiterhin fast ausschließlich von Menschen lernen. Maschinen können dabei helfen, aber nicht an die
Stelle des Menschen treten.

Die Frage des Umgangs des Menschen mit Objekten und Maschinen wird innerhalb der Design-Disziplin im Fachgebiet Ergonomie erforscht. Das digitale User-Interface hat z.B. die Hauptfunktion, binären Code in für Menschen verständliche Informationen zu übersetzen. Die Dinge oder auch deren Abbildung auf Interfaces müssen für den menschlichen Umgang bequem, verständlich, angenehm und ungefährlich sein. Die Anzeichen, die Symbole, die formal-ästhetische Seite bei einem gefährlichen Objekt wie einer Bohrmaschine oder einem Papier-Cutter müssen intuitiv begriffen werden können. Ohne dass man darüber nachdenkt, muss klar sein, dass man den Cutter nicht an der Klinge ergreift.

Design spielt für das Sprachenlernen eine nicht substituierbare Rolle. Einer der Schlüsselsätze der NICHTWORT-Programmatik lautet daher: „Was sind Apps ohne Benutzeroberfläche? Was sind Bücher und Zeitschriften ohne Typografie, Layout und Illustrationen? Was sind Lerngruppen ohne lernfördernde Raumbedingungen? Sprachbildung ist ohne Design nicht denkbar.“

Die Apologeten der künstlichen Intelligenz verweisen indes auf die zunehmende Sprachsteuerung von Geräten und das angebliche Ende des Eingabe-Interfaces im klassischen Sinne. Hier spiele Gestaltung eine immer geringere Rolle, was sich auch in den immer minimalistischeren Produktgestaltungen von Alexa etc. niederschlüge. Dies hat z.B. Tobias Kirchhofer, Chef der Digitalagentur shift Agency GmbH, eloquent ins Zentrum seiner Argumentation bei der NICHTWORT-Konferenz am 22./23.6 2017 gestellt.

Abgesehen davon, dass kein ernsthaft mit Design Beschäftigter davon ausgeht, dass neue Interfaces alte vollständig ablösen, ist diese – ich nenne es Alexa-Fixierung ein Albtraum für den Umgang zwischen Menschen. Die direkte intime Kommunikation zwischen Menschen soll ersetzbar sein durch den Dialog mit einem Marktforschungs-Interface von GAFA (Google-Amazon-Facebook-Apple)? Es gibt spannendere und attraktivere Zukünfte.

Reden wir über Sprachbildung.

Sprachbildung sollte, überträgt man die Erkenntnisse des Designs auf dieses Themenfeld, intuitiv, bequem, verständlich, angenehm sein und ein freudvolles soziales Erlebnis bereiten. Ein Erlebnis, nach dem man sich sehnt, bei dem man gerne dabei sein möchte.

Wie macht das Sprachenlernen Spaß?

Verbinden Sie diese positiven Eigenschaften mit den eigenen Erfahrungen des Sprachenlernens? Ich nur zum Teil, muss ich gestehen. Ich empfand den Sprachunterricht im Gymnasium als derart unangenehm, dass ich in der Tertia Latein abwählte, dann in der Untersekunda Französisch und schließlich den zaghaft begonnene Italienisch-Kurs abbrach. Russisch, welches ich aufgrund meiner Begeisterung für Jewgeni Jewtuschenkos „Wo die Beeren reifen“ (8) erlernen wollte, hängte ich an den Nagel, nachdem ich bei Privatstunden von Frau Sophia in Heppenheim vor Langeweile eingeschlafen war.

Lediglich Englisch packte mich, da Dr. Wagner, am Schuldorf Bergstraße in Seeheim-Jugenheim, es verstand eine farbige Faszination von dieser Sprache ausgehen zu lassen, synästhetische Erlebnisse zu schaffen. Er brachte mich dazu in der Sprache zu denken. Ich las Lawrence Ferlinghetti (9), Frank O’Hara (10), Allen Ginsberg (11). Englisch war für mich Literatursprache. Ich sprach es jedoch mit amerikanischem Akzent.

Diese schulischen Erfahrungen sind umso frustrierender als ich diese Sprachen später doch noch erlernte. Zuerst das Große Latinum 1985, dann 1986 ein Wirtschafts-Spanisch-Diplom, Italienisch für Manager ab 2000, Französisch ab 2003.

Worin liegt der Unterschied zwischen meiner Teenagerzeit und dem Mannesalter? Ganz einfach: Damals verband ich das Gefühl des Zwangs mit dem Lernen, jetzt empfinde ich dabei Freunde! Ich will diese Kulturen verstehen, die Literatur lesen, die Menschen erleben, wenn ich mit ihnen in IHRER Sprache spreche, und durch das Transfer-Vehikel Management-Denglisch. Was ist nun anders, warum läuft mein Sprachenlernen nun anders? Wieso eröffneten sich die kulturellen Schätze spät, aber glücklicherweise nicht zu spät?

Die persönliche Erkenntnis, dass Sprachenlernen etwas Langweiliges, Frustrierendes sein kann ODER etwas Wunderbares, Belebendes, ist – zusammen mit der integrativen Grundhaltung der Hochschule für Gestaltung Offenbach, wo ich seit 2008 lehren darf – der Ausgangspunkt für NICHTWORT.

Dazu mehr im Frühling.

Literatur

1 Hobsbawm, Eric, Wieviel Geschichte braucht die Zukunft?, Carl Hanser Verlag, München, 1998

2 Rademacher, Franz-Joseph, Balance oder Zerstörung, Ökosoziales Forum Europa, Wien, 2002

3 Welzer, Harald / Rammler, Stephan (Hg.) Der FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2013 Geschichten vom guten Umgang mit der Welt, Schwerpunkt Mobilität, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2012

4 Welzer, Harald / Giesecke, Dana / Tremel, Luise (Hg.) Der FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2015/16 Geschichten vom guten Umgang mit der Welt, Schwerpunkt Material, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2014

5 Wachowski, Lana / Wachowski, Lilly aka Larry und Andy Wachowski, The Matrix, Warner Bros. / Village Roadshow Pictures / Groucho II Film Partnership / Silver Pictures, 1999

6 McWhorter, John H., 2115 – a century from now, expect fewer but simpler languages on every continent, The Wall Street Journal, Ausgabe vom 2. Januar 2015

7 Thackara, John, In the bubble – designing in a complex world, MIT Press, Cambridge, Mass. / London, 2005

8 Jewtuschenko, Jewgeni Alexandrowitsch, Wo die Beeren reifen, Knaur Verlag, München, 1981

9 Ferlinghetti, Lawrence, A Coney Island of the Mind, New Direction, New York, 1958

10 O’Hara, Frank, Lunch Poems, City Light Books, San Francisco, 1964

11 Ginsberg, Allen Howl and other Poems. City Light Books, San Francisco, 1955